Boris Schumatsky
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DER GORBATSCHOW-FAKTOR
Der Treueschwur zum Kommunismus
Take 1 51''. Gorbatschow (russisch), Dolmetscher, Stimmen und Straßengeräusche, Kameras
Gorbatschow (russisch, lacht). Dolmetscher: "Uns kann nichts mehr in Erstaunen versetzen." Gorbatschow (spricht russisch), Dolmetscher: "Wir sind da schon gestählt... (Gorbatschow russisch) ...und haben manches gelernt."
Sprecher:
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6. Oktober 1989. Ostberlin. Michail Gorbatschow unterhält sich mit den Passanten vor dem Mahnmal Unter den Linden. Morgen wird der 40. Gründungstag der DDR gefeiert.
O-Ton wieder hochziehen
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Gorbatschow (spricht russisch), Dolmetscher: "Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren."
Sprecher:
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Mit diesem historischen Satz brachte Michail Gorbatschow angeblich seine Unzufriedenheit mit der Politik Erich Honeckers zum Ausdruck. Gorbatschows Kritik war jedoch so diplomatisch formuliert, dass es bis heute unklar bleibt, ob der sowjetische Generalsekretär tatsächlich seinen ostdeutschen Kollegen gemeint hatte. Doch schon in den Abendnachrichten wurden diese eher beiläufigen Worte anderes zitiert. Nun war es eine unmissverständliche Drohung:
Zitator:
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"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."
Sprecher:
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Und so ist Gorbatschows Spruch in die Geschichte eingegangen. So zitiert ihn auch Archie Brown in seinem Standardwerk über die letzten Jahre der Sowjetunion "Der Gorbatschow-Faktor." Doch der übersetzungsfehler war nicht zufällig.
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Diese Tendenz, Gorbatschows zweideutige Aussagen und seine widersprüchliche Politik immer im demokratischen Sinne zu interpretieren, setzt sich in der Historiographie bis heute fort. So führt auch Archie Brown den Rückzug der Sowjetunion aus dem Ostblock auf eine Entscheidung Gorbatschows zurück, die er zu Beginn seiner Regierungszeit getroffen hatte:
Zitator:
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"Der Schlüssel zu den Veränderungen in Osteuropa war ... Gorbatschows grundsätzliche Entscheidung, auf sowjetische Intervention im Ausland zu verzichten, und seine Weigerung, deren Wiederaufnahme in Erwägung zu ziehen, selbst als die Sowjetunion mit vollkommen veränderten Beziehungen zu dem Gebiet konfrontiert war, das sie seit Ende des Zweiten Weltkrieges kontrollierte."
Take 2 1'23 Gorbatschows Rede vor dem Kongress der Volksdeputierten. Dieser O-Ton wird nicht synchronisiert, steht frei, dann unter Sprecher weiter.
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Sprecher:
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In seiner Rede vor dem Kongress der Volksdeputierten im Juni 1989 kündigte der Generalsekretär der KPdSU dramatische Kürzungen des sowjetischen Militäretats an.
O-Ton bei 35'' kurz hochziehen, dann unter Sprecher ausblenden.
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Sprecher:
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Michail Sergejewitsch Gorbatschow war allerdings nie ein Anhänger von Gewaltlosigkeit. Mehrmals während seiner Regierungszeit wurde das Militär gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt. Die blutigsten Massaker ereigneten sich in Tbilissi, in Baku und in Vilnus. In seinem jüngsten Buch "über mein Land" gesteht Gorbatschow, es tue ihm aufrichtig Leid, dass damals Blut vergossen wurde, und dennoch, schreibt der ehemalige Generalsekretär,
Zitator:
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"Ich habe über die Geschehnisse lange nachgedacht und aus dieser ganzen tragischen Geschichte folgende Lehre gezogen: Die Regierungsmacht kommt in extremen Situationen nicht umhin, Gewalt anzuwenden."
Sprecher:
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Die neuesten Opferzahlen und die jüngsten historischen Erkenntnisse über den Verlauf der Massaker macht Archie Brown in seinem Buch "Der Gorbatschow-Faktor" bekannt. In diesem fundamentalen Werk rekonstruiert der Professor für Politikwissenschaften in Oxford auch die "Tragödie von Tbilissi", wie Brown das Massaker von 1989 in der Hauptstadt Georgiens nennt. Gegen die nationalistischen Demonstranten wurden damals zwar keine Feuerwaffen, aber immerhin Giftgas und geschärfte Militärspaten eingesetzt worden. Neunzehn Menschen wurden getötet und mehrere Hundert verletzt.
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Im darauffolgenden Jahr tötete die Sowjetarmee nach offiziellen Angaben 83 Aserbeidschaner beim Einmarsch in ihre Hauptstadt Baku. 1991 starben 14 Menschen beim Sturm der Sondertruppen auf den Fernsehturm von Vilnus, der von unbewaffneten Sezessionisten umlagert war.
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Besonders ausführlich rekonstruiert Brown die Befehlsketten, die zu den Militäreinsätzen geführt hatten. Er kommt zu dem Schluß, dass Gorbatschow keine Schuld trifft:
Zitator:
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"Das Massaker von Tbilissi war Wasser auf die Mühlen von Feinden Gorbatschows im In- und Ausland, die ihn absichtlich oder aus Unwissenheit für das Massaker in der georgischen Hauptstadt verantwortlich machten."
Sprecher:
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Der Generalsekretär, so Brown, war am Vortag der Tragödie aus London zurückgekommen. Erst dann wurde er über die Lage informiert. Sofort beauftragte Gorbatschow seinen Mitstreiter, den aus Georgien stammenden Außenminister Schewarnadse, nach Tbilissi zu fliegen. Der blieb jedoch in Moskau. Der Britische Historiker gibt die Schuld für das Massaker den Politbüromitgliedern, denen Gorbatschow für die Dauer seiner Abwesenheit den Kreml überließ.
War es aber nicht abzusehen, was für eine Entscheidung die Hardliner aus der alten sowjetischen Garde treffen würden? Archie Brown lässt die Frage offen, warum Gorbatschow seine Vollmachten als Staats- und Parteichef nicht gegen sie eingesetzt hat. Auch von der Verantwortung für das Massaker in Baku spricht Brown den ersten sowjetischen Präsidenten frei:
Zitator:
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"Für die Brutalität des Angriffs waren die sowjetischen Befehlshaber vor Ort verantwortlich."
Sprecher:
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In Vilnus sei es nicht anderes gewesen. Es war Sonntag, Michail Sergejewitsch war natürlich auf seiner Datscha und habe von dem, was in der litauischen Hauptstadt vor sich ging, nichts gewusst:
Zitator:
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"Als der litauische Präsident versuchte, Gorbatschow telefonisch zu erreichen, um mit ihm über die Morde der vergangenen Nacht zu sprechen, wurde er nicht nur zu Gorbatschows Datscha nicht durchgestellt, sonder Gorbatschow wurde nicht einmal informiert, dass er angerufen hatte."
Sprecher:
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Wieder seien es die örtlichen Kommandeure mit Unterstützung einiger ihrer Moskauer Vorgesetzten gewesen, die übermäßige Gewalt eingesetzt hätten, und zwar genau mit der Absicht, so behauptet Brown,
Zitator:
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"den Konflikt zu verschärfen und Gorbatschow in den Augen der Demokraten und seiner Anhänger im Westen zu diskreditieren."
Sprecher:
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Der Direktor des Rußlands- und Osteuropa-Zentrums des St. Antony's College in Oxford, Archie Brown, sieht Michail Gorbatschow immer noch mit den Augen der sowjetischen Perestroika-Anhänger und ihrer Sympathisanten in Ost und West, für die der letzte Generalsekretär der Garant einer demokratischen Zukunft war. In der Tat, ohne Gorbatschow hätte es weder Perestroika noch Glasnost gegeben, der Ostblock wäre vielleicht nicht so schnell und nicht ohne Blutvergießen vom Realsozialismus befreit worden.
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Möglicherweise waren die Opfer von Tbilissi, Baku und Vilnus unumgänglich gewesen. Dies wird jedoch in der modernen Geschichtsschreibung nicht explizit diskutiert. Browns Buch "Der Gorbatschow-Faktor", das schon 1996 im Original erschien und dessen aktualisierte übersetzung nun auf Deutsch vorliegt, setzt einen Historikerstreit fort, bei dem es um eine viel simplere Frage geht: Was hat Gorbatschow genau befohlen?
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Andere Historiker wollen der Rechtfertigung Gorbatschows nicht glauben, dass er
Zitator:
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"den Einsatz der Truppen in Tbilissi nicht autorisiert habe. Auch zwei Jahre später gab sich Gorbatschow völlig überrascht, als die Sowjettruppen den Fernsehturm in Vilnus stürmten. ... Aber als später beide Episoden von offiziellen Kommissionen untersucht wurden, zeigten alle Beweise direkt auf Herrn Gorbatschow."
Sprecher:
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Der letzte Generalsekretär der KPdSU war ein unübertroffener Meister im politischen Doppelspiel. Er gab unmissverständliche Signale an seinen Stab, dann zog er sich zurück und überließ den Anderen die Verantwortung.
Einerseits wäre es für Gorbatschow ohne diese Strategie gar nicht möglich gewesen, seine Politik der Perestroika und Glasnost auch nur anzufangen. Andererseits haben die Militäreinsätze gegen die eigene Bevölkerung einen Prozess in Gang gesetzt, der zu Putins brutalen Krieg gegen Tschetschenien geführt hat und in der Zukunft möglicherweise noch größere Menschenopfer fordern wird.
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Für Archie Brown ist Gorbatschow nichtsdestotrotz ein Demokrat:
Zitator:
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"Gorbatschow bediente sich nicht der traditionellen kommunistischen Methoden, um seine Kontrolle über die Ereignisse wiederherzustellen... Diktatorische Mittel waren seiner Persönlichkeit und seinen intellektuellen überzeugung fremd."
Sprecher:
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Stand aber Gorbatschows Strategie, die Verantwortung für indirekt befohlene Gewaltakte den Anderen zu übertragen, nicht im Einklang mit dem sowjetischen Regierungsprinzip des "demokratischen Zentralismus", nach dem alle Sowjetführer seit der bolschewistischen Revolution von 1917 regierten?
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Es gibt einen Grund, warum Gorbatschow seine immensen Vollmachten als Staats- und Parteichef nie direkt zum Zweck der Zerstörung des kommunistischen Systems einsetzte:
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Michail Gorbatschow glaubte an die glückliche Zukunft des Kommunismus und wollte das System lediglich erneuern.
Take 3 1'23 bei Applaus unter Sprecher einblenden, von ca. 6'' bis 34'' frei (O-Ton Gorbatschow, deutsche Simultanübersetzung), dann bei Applaus unter Sprecher ausblenden.
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Wir sehen die Möglichkeit eines nicht endenden Fortschritts, wir sind uns bewusst, dass er nicht leicht zu sichern ist, uns schreckt das nicht, im Gegenteil: es inspiriert uns, da es das Leben mit einem hohen, menschlichen Ziel, einem tiefen Sinn erfüllt. Im Oktober 1917 haben wir die alte Welt verlassen und sie unumkehrbar zurückgewiesen. Wir gehen einer neuen Welt entgegen, der Welt des Kommunismus. Von diesem Weg werden wir niemals abweichen!"
Sprecher:
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1987, als Michail Gorbatschow sich dem Aufbau des Kommunismus verpflichtete, wollte er den Realsozialismus reformieren, um die wirtschaftliche Effektivität des Systems zu steigern.
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Die Geschichte hat dem letzten Generalsekretär der KPdSU einen bösen Streich gespielt. Gorbatschows Politik führte dazu, dass seine kommunistische Partei entmachtet wurde und die Union der Sowjetischen Sowjetrepubliken zerfiel. Seine Intrigen waren immer erfolgreich, doch seine demokratischen Reformen blieben inkonsequent. Gorbatschow war selber außerstande, die Reformen weder zu kontrollieren noch ihre Folgen einzukalkulieren.
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Michail Sergejewitsch Gorbatschow kam immer zu spät. Vielleicht nicht so spät wie Honecker, dem Gorbatschow dies vorwarf. Aber als er einen Monat vor dem Mauerfall ermahnte, man solle "auf das Leben reagieren", beabsichtigte der sowjetische Reformer lediglich die Korrektur des DDR-Regimes.
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Die Geschichte hat den Zuspätkommenden bestraft, aber Michail Gorbatschow scheint es bis heute nicht begriffen zu haben. In seinem letzten Buch diskutiert er die Frage, ob der Sozialismus eine Zukunft hat. Was in diesem Buch noch fehlt, sind die Anmerkungen "Nicht enden wollender Beifall", wie es in den gedruckten Reden der Spitzenfunktionäre in den Zeiten üblich war, als am Ende aller Parteikongresse die Parteihymne gesungen wurde.
Take 4 40'' O-Ton Gorbatschow russisch, Applaus, Internationale (Parteihymne), darüber der Kommentator:
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Michail Gorbatschow erklärt den 27. Parteitag für beendet.
Gesang ca. 20'' (Internationale) unter Zitator ziehen.
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Zitator:
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"Mit Blick auf die Lehren der seit der Oktoberrevolution vergangenen achtzig Jahre und auch mit Blick auf die Lehren der jüngsten Vergangenheit, beflügelt von den Ideen des Humanismus und der Menschenrechte, können wir meiner Ansicht nach zuversichtlich in die Zukunft blicken."
Gesang wieder hoch und aus.
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Sprecher:
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Über seine modernisierte Version des Leninismus schreibt Michail Gorbatschow auch im Jahre 2000 in einem andächtigen Ton. Den Treueschwur zum Kommunismus hat der ehemalige Generalsekretär der KPdSU nie gebrochen.
Archie Brown "Der Gorbatschow-Faktor. Wandel einer Weltmacht" Insel Verlag Frankfurt, 2000. DM 78,-
Michail Gorbatschow "&Üuml;ber mein Land. Russlands Weg ins 21. Jahrhundert" C. H. Beck München, 2000
DLR Juli 2000
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