Boris  Schumatsky

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MIT JEANNE D'ARC NACH GROSNY
Inguschetiens Hauptstadt Nasran ist ein Sammelpunkt für Flüchtlinge aus Tschetschenien / Jeden Tag fährt von hier ein Bus in die zerstörte Stadt. Aus Nasran Boris Schumatsky




"Kannst du mir ein paar Patronen abgeben?" fragt Maschid. Der russische Major lächelt verlegen. Sein Kontrollpunkt befindet sich an der nördlichen Grenze der Republik Inguschetien, die immer mehr in den Tschetschenien-Krieg hineingezogen wird. Maschid ist Verkehrspolizist aus Inguschetien, er trägt eine alte sowjetische Polizeiuniform. Beide Uniformierten verstehen sich glänzend, aber der kleine Waffendeal sorgt für Verwirrung. "Weißt du", drängt Maschid, "meine alte Familienflinte verrostet ungebraucht. Morgen feiern wir Bajram, es wird in die Luft geschossen, einfach so, um böse Geister zu verjagen." Doch der Major läßt sich nicht überreden. "Man hat uns Bescheid gegeben", sagt er, morgen würden sie das Feuer nicht erwidern. Ansonsten schießen die Militärs ohne Warnung, wenn nachts ihre Signalminen losgehen. Bis heute waren es nur Hasen.
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Der heilige Monat Ramadan geht zu Ende. Auf den Straßen der inguschetischen Haupstadt Nasran ist der Teufel los. MP-Salven, Einzelschüsse, ab und zu eine Explosion. Leuchtkugeln durchstreichen den dunklen Himmel. "Alles nur Knallbüchsen", versichert Achmet. "Unser Präsident sagt, diesmal sollen wir still feiern." Seine zwei brandneuen Kalaschnikows sind unterm Bett versteckt. Im Wohnzimmer ist ein Tisch gedeckt: Fleisch und Geflügel, Torten und Gebäck, Orangen und Bananen. Abends ist in Nasran Weihnachtsverkehr: jeder besucht jeden.
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Radima Maguschkowa will ins Gedächtnis der zukünftigen Generationen als Volksheldin eingehen. 1992 gab sich die 34jährige blonde Inguschin für eine Ukrainerin aus, um "unsere Jungs" zu retten. Nach dem Konflikt zog sie nach Grosny, mußte aber im Januar wieder fliehen. Wie viele Inguschen ist Radima ein Doppelflüchtling. Heute hat sie sich eine Bescheinigung des Föderalen Notdienstes besorgt und fährt täglich mit einem Bus nach Grosny. Dort betreut Radima Zivilisten, die sich seit Monaten nicht mehr aus ihren Kellern trauen. "Sie sind dermaßen eingeschüchtert", erzählt sie, "sie zeigen sich nur, wenn sie meine Stimme erkennen." Mehrere Keller sollen die Militärs mit Feuerwerfern niedergebrannt haben, aus Angst vor Scharfschützen.

Radimas kleiner Bus ist voll. Tschetschenen, Inguschen, Ukrainer. Eine Russin will ihre Nähmaschine abholen - vorausgesetzt, sie ist noch da. Zwei tschetschenische Flüchtlinge wollen ihren zurückgebliebenen Verwandten zum Bajram gratulieren. Aber die meisten wollen lediglich nachsehen, ob ihre Häuser noch stehen und die Wohnungen nicht von marodierenden Soldaten ausgeraubt worden sind.

Der Bus hält im Vorgebirge. Eine öde Gegend, von moskautreuen Tschetschenen kontrolliert. Wenige Kilometer weiter stehen die Russen. Magomet, der Fahrer, verlangt mehr Geld, sonst würde er nicht weiterfahren. Zu gefährlich sei es. Dann steigt er aus, der überhitzte Motor muß gekühlt werden. Eine Flasche Wodka taucht auf. "Ein Glas auf den Mut", bringt Magomet einen russischen Soldatentoast aus. Ein Zeichen der Russifizierung: Muslime saufen Wodka aus der Pulle, sogar am heiligsten Feiertag des Islam. Man versteckt sich bloß hinter dem Bus, aus Respekt vor einem alten Mann. Er ist ausgestiegen und betet auf seinem Mantel kniend am Rande eines Abgrunds.

Am ersten Kontrollpunkt stehen die Omonowzi, Truppen des Innenministeriums. Betonblöcke versperren die Straße, zwei Panzerwagen, eine provisorische Bude. Die 30jährigen Soldaten sind unrasiert, sie tragen unterschiedliche Uniformen, khaki oder grau. Nach drei Monaten Krieg unterscheiden sie sich äußerlich nicht von den gegnerischen Tschetschenen. Radima kennen sie schon. Sie gibt ihnen Medikamente, besorgt auch einiges auf Bestellung: Schmerz- und Beruhigungsmittel. In ihren Augen ist Radima eine Russin. Die Soldaten vertrauen ihr, der Bus passiert unkontrolliert.

Die Stadteinfahrt Grosnys wirkt friedlich. Kilometerlang ziehen sich Einfamilienhäuser hin, ab und zu sieht man eine verbrannte Fabrikhalle oder ein zerstörtes Haus. Viele Leute kehren wieder in die Vororte zurück, zu Fuß, mit großen Rolltaschen. Andre verlassen das Stadtzentrum, wo immer noch geschossen wird. Die Panzerwagen überholen die Flüchtlinge, die Soldaten sitzen auf der Panzerung, die Kalaschnikows schußbereit. Sie hissen rote Sowjetfahnen mit Hammer und Sichel. Keine russische Trikolore weit und breit.

Zweite, dritte und vierte Sperre. Fast alle sind inzwischen ausgestiegen, nur wenige trauen sich in die umkäpfte Stadtmitte. Radima wird nervös. Der Bus hält. Die Stadtmitte ist zerstört und verwüstet. In den Wohnblocks ringsherum fehlen die Fensterscheiben, Brandspuren, Ruinen. Noch irgendwas möchte Radima zeigen, doch der Fahrer traut sich nicht weiter. Es wird verhandelt. Die geschäftlichen Beziehungen zwischen Radima und ihrem Fahrer scheinen kompliziert. Landet das ganze Geld nur beim Fahrer? Radima muß ihre Medikamente ja auch irgendwie bezahlen.

Verlassene Plattenbauten umstellen einen christlichen Friedhof. Auf dem Weg hierher trifft man keine Passanten, auch Militärs sind nicht zu sehen. Keiner darf es sehen: ein Graben in der Erde, über zwei Meter tief, halbvoll mit Leichen. Männer, auch Frauen, alle in zivil. Dutzende Leichen liegen daneben, von Hunden angefressen.

Der Gestank wird unerträglich. Magomet steigt ein und startet den Motor. Er fährt durch enge Gassen mit geborstenen Bäumen. Hinten knallt ein Schuß, Magomet biegt in einen Hinterhof ein. Irgendwo hier verstecken sich Radimas Protegés, aber heute kann sie sie nicht besuchen: es bleibt kaum noch Zeit bis zur Sperrstunde. "Ich habe noch drei solche Gräben gefunden", erzählt Radima zu Hause. "Morgen geht's wieder hin." Es kommen zwei Tschetscheninnen und bitten sie, die Leiche ihres Vaters aus Grosny zu bergen. Radima notiert die Adresse. Wieso macht sie das? - Um den Menschen zu helfen. "Ich brauche nichts für mich", sagt Radima. Sie stilisiert sich zur kaukasischen Jeanne d'Arc und Robin Hood in einer Person. Die Wainachen nennen es Jach - Ehre oder Wettbewerb. Viele Leute kennen Radima, die meisten sind ihr dankbar, manche halten sie für eine Abenteurerin. Wie dem auch sei, reich wird sie von ihren Abenteuern nicht: Ihr Haushalt ist der einzige, wo am Bajram kein Tisch gedeckt wurde.


aus: taz 17.03.95


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