Boris  Schumatsky

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DER GROSSE SCHRIFTSTELLER KEHRT ZURÜCK
Nach zwanzigjährigem Exil kehrt der Schriftsteller Alexander Solschenizyn nach Moskau zurück. Von Boris Schumatsky




Es herrscht Jubel in der geheimnisvollen russischen Seele: der Grosse Schriftsteller kehrt endlich zurück. Sehr lange hat Solschenizyn gezögert. Eigentlich wollte man ihn noch während der Perestroika zu Hause begrüssen. Doch der Dichter stellte eine Bedingung: zuerst sollen seine verbotenen Werke veröffentlicht werden.

Damals schien es kaum erfüllbar. Aber bald veränderte sich die politische Lage grundsätzlich, Solschenizyns Schriften erschienen in Millionenauflagen und zugleich als Serien in mehreren Literaturzeitschriften. Man erwartete eine Art Solschenizyn-Renaissance, wahrscheinlich rechnete der Dichter auch damit. Doch etwas ging schief. Nach der Aufhebung der Zensur kauften die meisten Russen die amerikanischen Krimis und Sexstorys statt des "Archipel Gulag" und des "Roten Rad". Die Serien wurden abgebrochen.

Es war also noch nicht die richtige Zeit für seine Heimkehr. Solschenizyn musste einen weiteren Versuch machen, die gemeinsame Sprache mit eigenen Landsleuten zu finden. Er liess sein politisches Programm in fast 30 Millionen Exemplaren veröffentlichen: "Wie wir Russland einrichten sollen". Die Reaktion aber entsprach dieser mit Hilfe der Regierung besorgten Menge Papier gar nicht. Die kleineren "slawischen Brüder" in Ukraine und Belorussia und die Asiaten in dem "Hängebauch" Russlands konnten ihre Empörung kaum zügeln. Auch mit der russischen Seele war etwas eindeutig nicht in Ordnung: Niemand schien Solschenizyns Ansprüche anzuerkennen, als "Grosser Schriftsteller so etwas wie eine zweite Regierung" zu sein.

Die längst angekündigte Heimkehr stolperte über immer neue Hindernisse: Der Vorwurf des Vaterlandsverrates musste noch zurückgenommen und ausserdem der KGB und die Partei entmachtet werden. Das schien die Aufgabe für die nächsten fünfzig Jahre zu sein. Solschenizyn durfte sich also auch künftig von der lieben Heimat fernhalten, um - tief in den amerikanischen Wäldern, mit der ganzen Power der US Army geschützt - in Ruhe den richtigen Weg für Russland zu suchen und den "seelenlosen" Westen zu kritisieren.

Bedauerlicherweise widerrief Gorbatschew den Vorwurf des Vaterlandsverrates, und bald danach verschwand der letzte Generalsekretär samt seiner Partei und dem KGB von der politischen Szene. Was blieb noch an Vorwände, sich von der russischen Realität fernzuhalten? Nun - als Dichter muss einer immer imstande sein, sich etwas neues einfallen zu lassen. Fast wie eine Regierung der Supermacht liess Solschenizyn seine Presse- und Ehefrau eine kurze Erklärung abgeben: selbstverständlich wolle er zurückkehren, müsse aber zuerst schon angefangene Werke vollenden.

Was für ein Werk meinte eigentlich Solschenizyn? Erklärte er nicht kürzlich, er müsse die monumentale Chronik "Das rote Rad" nach vier Bänden abbrechen? Es war also nicht sein Hauptwerk. Heisst es dann nicht das "alte Rus", das grosse heilige Land, das Solschenizyn erfand, der grösste Roman, den er immer noch dichtet?

Aus der russischen Wirklichkeit ist die Seele spurlos verschwunden. Sie musste dringend importiert und transplantiert werden. Und nun kommt er endlich, der Erlöser, aus der östlichen Himmelsrichtung, wie es sich gehört. Wie einst die russischen Zaren, wird Solschenizyn mit dem Zug durch das ganze Land fahren, um die Weite des Landes in sich aufzunehmen und mit seinem Volk zu reden. Die lokalen Administrationen organisieren bereits feierliche Begrüssungen.

Dieses historische Ereignis wird von der BBC verewigt. Die russischen Medien sind ja so zynisch und respektlos geworden, sie haben vergessen, was russische Seele ist. Die Briten wissen das besser. Ausserdem sind russische Sender bettelarm, und die Einrichtung Russlands bedarf eben nicht nur ideologischer Leitung, sondern auch des schnöden Mammons.

In seinem ersten Interview auf dem heimatlichen Boden nannte der Grosse Schriftsteller Herrn Schirinowskij "die Karikatur eines russischen Patrioten". Wenn Solschenizyn endlich nach Moskau ankommt und in eine streng bewachte Bonzensiedlung einzieht, wird man vermutlich sehen, was ein richtiger Patriot ist.

Heute ist es noch unklar. Dafür müsste man aber das richtige Verständnis aufbringen: Die russische Seele verweilte so lange im Exil, dass sie momentan etwas verwirrt ist. Ausserdem war sie schon immer geheimnisvoll. "Alle Russen sind sonderbar", sagte Maxim Gorki. "Es ist nicht zu begreifen, was sie eigentlich wollen - eine Republik oder eine Sintflut".

Weltwoche 1994


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