Boris Schumatsky
.
DIESE PASSAGE
ist im Sendungsmanuskript nicht enthalten
Turadsch nimmt ein Stück Zucker zwischen die Zähne und saugt den Tee mit einem schrillen, zischenden Geräusch ein. Vor anderthalb Jahrhunderten hatten die Perser ihren Tee ungesüßt getrunken. Da hatte ein belgischer Kaufmann eine Marktlücke entdeckt und brachte einen ganzen Wagenzug Hutzucker nach Teheran. Er knüpfte Kontakte zu iranischen Basarhändlern, er schmierte die Beamten des Schahs, er wollte schon mit dem Verkauf seiner neuen Delikatesse beginnen, doch er hatte etwas übersehen: Die Mullahs. Sie verlangten vom Belgier eine Armenabgabe, ein Fünftel des gesamten Zuckerpreises. Er weigerte sich. Daraufhin verkündeten die Mullahs in den Moscheen Teherans, der Zucker wäre unrein, denn er war von Kafar - Ungläubigen - berührt worden. Niemand wollte ihn kaufen. Der Belgier lenkte bald ein, er versprach den Mullahs Geld, und nun hatten die islamischen Rechtsgelehrten selbst ein Problem. Wie sollten sie den "unreinen" Zucker wieder freigeben?
.
Turadsch holt aus der Schüssel mit zerkleinertem Hutzucker noch ein kleines Stück, tunkt es in sein Teegläschen so leicht, dass seine Fingerspitzen nicht nass werden, dann schüttet er den Teetropfen ab und nimmt die nasse Spitze zwischen die Zähne. Diese rasche Bewegungsabfolge wiederholt sich millionenfach täglich in den iranischen Teehäusern. Doch kaum jemand heute weiß, dass sie auf den alten Rechtsspruch der Mullahs zurückgeht. Den Zucker sollte man nur einmal kurz in den Tee tauchen, dann war er schon von allen Makeln der Kafar gereinigt. Dieses kleine Reinigungsritual war nicht zufällig sehr verkaufswirksam. Die Mullahs hatten großes Interesse daran, das neue Produkt mit dem beliebten Tee zu verknüpfen. Denn der belgische Kaufmann war zwar bereit, ihnen Geld zu geben, aber erst nachdem sein letzter Zuckerhut verkauft war.
.
.
zurück