Radiofeatures (Auswahl)

"Seljonka" heißt diese brillantgrüne Wundlösung, die bis heute überall in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion gerne benutzt wird. In Russland findet Brillantgrün in der letzten Zeit noch eine andere Verwendung. Seljonka ist schwer abwaschbar und hinterlässt bleibende Flecken auf der Kleidung, auch auf der Haut sind die Spuren tagelang sichtbar. Mit Brillantgrün werden Regimegegner gebrandmarkt, aber auch jene, die öffentlich die orthodoxe Kirche kritisieren oder über die Verbrechen der Stalinzeit reden.

"In Russland tobt gerade ein regelrechter Erinnerungskrieg." Irina Scherbakowa.
"Es ist falsch zu sagen, 'Putin ist Stalin heute'. Nein, es soll heißen, 'Stalin ist Putin gestern' .Alexej Levinson.
Stalins Kult und Lenins Grab. Der russische Erinnerungskrieg. DLF Kultur 09.05.2017

 

"Ich bin mir nicht sicher, ob wir den Preis für die sowjetische Epoche schon ganz bezahlt haben. Die Sowjetunion war ja ein großes Übel, und wenn man vergleicht, wie blutig etwa der Zerfall Jugoslawiens verlief, welche tiefen Spuren er hinterlassen hat, dann ist es ein Wunder, wie friedlich es bei uns geschah. Ich fürchte, wir werden noch für die Sowjetunion bezahlen müssen", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Oleg Buklemishev.
Zwischen Starre und Protest. Wie stabil ist Russlsnd? DLF 09.04.2017

 


Für die Geschichte über die angebliche Schauhinrichtung eines Jungen, die das Erste Russische Fernsehen im Juli 2014 ausstrahlte, wurden dagegen keine weiteren Zeugen oder Belege gefunden. Bis auf einen Facebook-Eintrag, den der Publizist und Vertreter eines russischen Expansionismus Alexander Dugin drei Tage vor der Fernsehausstrahlung veröffentlichte. In Dugins Eintrag ist die komplette Vorlage für die Fernsehsendung bereits enthalten, nur statt der Mutter des Jungen wird dort der Vater ermordet.
Fernsehen in Russland Dkultur 01.04.2015

 


Sie erzählen vom "Bett Putins", die schönen Besucherinnen des Palastes von Silvio Berlusconi. Der italienische Präsident habe dieses große Himmelbett für seinen russischen Amtskollegen bauen lassen, so hört man im einschlägigen Milieu, und es ist vergoldet oder vielleicht ganz aus Gold! Die beiden Männer teilen ihre ästhetischen Vorlieben und sehr vieles mehr. Ohne diese Gemeinsamkeit wären die Beiden jetzt nicht mehr am Leben. Denn etwas Schreckliches ist geschehen. Bei einem Attentat auf die das Freundespaar stirbt der Cavaliere, und Putin erleidet eine Kopfverletzung. Um sein Leben zu retten, führen Ärzte eine riskante Operation durch. Sie pflanzen Putin eine Gehirnhälfte Berlusconis ein.
Theatre.doc Politisches Dokumentartheater. WDR 30.12.2014

 


Hundertschaft auf Hundertschaft marschieren die Männer in roten Jacken durch Moskau. Hoch über ihren fest geschlossenen Reihen wehen rote Fahnen, die an sowjetische Militärbanner aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern. Auf den Transparenten steht: "Wir glauben Putin" und "Die Krim ist russische Erde". Die Männer singen ein sowjetisches Kriegslied: "Du mein geliebtes Gewehr, du Kugel, so heiß, fliege weit!" So feierte Moskau die Annexion der Krim in gewollter Anlehnung an Massenaufmärsche, wie es sie unter Stalin oder Hitler gab.
"Wir sind ein Siegervolk" Kriegskult in Russland. DLF 16.06.2014

 


Unser Dienst ist gefährlich und hart, / und auf den ersten Blick bleibt er verborgen. / Wenn aber manchmal irgendjemand irgendwo / will Gesetze brechen, dann...
 Im menschenleeren Park treten schwarzuniformierte Polizisten einen Mann mit ihren Springerstiefeln. "Bitte nicht", schreit der Mann, "ich erzähl' alles!" Er wälzt sich am Boden, seine Hände sind hinter dem Rücken gefesselt. Dann presst ein Stiefel sein Gesicht ins Laub, während ein anderer Polizist seinen Fuß auf ein Bein des Mannes stellt. Das ist ein offizielles Video der russischen Polizei. Es wurde von den größten Staatssendern ausgestrahlt, als Beispiel vorbildhafter Polizeiarbeit. Der Festgenommene ist ein Migrant, der angeblich einen Russen erstochen hat. 
Schwalbe und Elefant Über die Opfer von staatlicher Gewalt in Russland. Dkultur 30.01.2014

 


So patriarchal und rückständig stand Moskau nicht immer da. Denn Russland führte bereits 1917, als dritter der modernen Staaten, das allgemeine Frauenwahlrecht ein, ein Jahrzehnt nach dem europäischen Vorreiter Finnland und ein Jahr vor Deutschland. Die Revolution von 1917 proklamierte die Gleichstellung der Geschlechter und erhob die Freiheit der Liebe zum Grundrecht.
Die Schöne und der Patriarch Russlands neue Geschlechterrollen. Dkultur 14.11.2011

 


Der bis heute am stärksten strahlenbelastete Ort der Welt heißt Karatschaj, ein See im südlichen Ural, in der Nähe der Plutoniumfabrik Majak. Seit über 60 Jahren werden dort flüssige radioaktive Abfälle ins Wasser geleitet. In der schwarzen Wasseroberfläche des Sees spiegeln sich weder der Himmel noch die Birken, die am Ufer wachsen. Nicht einmal die anpassungsfähigsten Blaualgen könnten im Seewasser überleben. Keine Waldtiere und keine Vögel kommen an diesen Ort, nur ein Kipplaster erscheint manchmal am Seeufer und schüttet eine Ladung Kies in den See. Die Fahrerkabine ist mit schweren Bleiplatten verkleidet, bauchige verbleite Gläser ersetzten die Scheiben. Ungeschützt würde der Fahrer innerhalb einer Stunde eine tödliche Strahlendosis bekommen. Nach Angaben von Umweltschützern hat sich im Karatschaj-See achtmal mehr Radioaktivität angesammelt als beim Reaktorunglück in Tschernobyl freigesetzt wurde.
Strahlende Landschaften Dkultur 19.04.2011

 


"Gehst du wirklich ohne Messer aus dem Haus?"
hatte der Nazi-Skinhead mit dem Decknamen Tourist gleich als Erstes gefragt. "Bist du leichtsinnig, Mann." Tourist ist Schwergewichtheber. In einem Schnellrestaurant, wo er einen Hamburger und einen Fishburger verspeist, legt Tourist sein Messer neben das Tablett. Offiziell sei das keine Stichwaffe, nur ein Haushaltsgegenstand, meint er. Lang wie ein Brotmesser, hat das Messer in der Mitte Rillen, von denen das Blut ablaufen kann. Bei einem Zusammenstoß mit der Antifa ist es bereits zum Einsatz gekommen: "Ich saß in der U-Bahn und las ein Buch, als mich plötzlich fünf Leute umstellt haben. Also habe ich mein Messer geholt und auf das aufgeschlagene Buch gelegt. Sie sind regelrecht erstarrt. An der nächsten Station bin ich ausgestiegen, und als ich mich dann umgedreht habe, trafen mich ihre zornigen Blicke. Zwei von ihnen hatten ein slawisches Aussehen, die anderen waren irgendwelche Mischlinge, kaukasisch, asiatisch, weiß der Geier, was da alles gemischt war."
Der Krieg im Untergrund Neonazis, Antifa und die gelenkte Demokratie. Dkultur 04.10.2010

 


Die Schumatsky Straße in Krasnojarsk, genannt nach meinem Urgroßvater, ist nicht mehr als eine Handvoll neunstöckiger Wohnhäuser, die vor drei Jahrzehnten kreuz und quer dort hingebaut wurden. Ich bin in Moskau in einem ähnlichen Haus aufgewachsen, hier allerdings hat das sibirische Klima den Plattenbauten merklich zugesetzt. Der Wind hat an manchen Stellen die Fliesen aus der Wandverkleidung herausgerissen, die Regenschauer haben schräge Streifen auf den verrußten Fassaden hinterlassen. Vor den Häusern stehen da und dort in kleinen Grüppchen junge Männer. Sie reden viel zu laut und trinken trotz frostiger Kälte Bier aus Flaschen. Als ich mich an ihnen vorbeizwänge, schauen sie mich schweigend an.
Die Revolte des Urgroßvaters Spurensuche in Krasnojarsk Dkultur 26.11.2006

 


Ich stelle mein Mikrofon auf, da sagt Anissim: "Immer muss ich antworten. Mir reicht's!" Er langt unter den Tisch und holt einen bunten chinesischen Radiorecorder hervor. Am liebsten, sagt der Altgläubige, nehme er die Vögelchen auf, obwohl dieser Recorder dafür eigentlich gar nicht tauge. Doch für das, was er nun vorhabe, würde auch sein Gerät ausreichen. Anissim will mich interviewen. Er legt ein Blatt mit vorbereiteten Fragen auf den Tisch und drückt auf den Aufnahmeknopf.
Die Altgläubigen von Schewera Dkultur 27.08.2006

 


Vielleicht hatte sich die Frau des Mörders geschämt, die Flaschen zur offenen Müllgrube zu bringen, denn die Nachbarn hätten dann sehen können, wie viele es waren. Bevor sie dieses Haus an meine Schwiegereltern verkaufte - es war kurz nach dem Mord gewesen, als ihr Mann schon im Gefängnis saß - hatte sie hier noch einige persönliche Sachen abgestellt: Alte Kinderschuhe, selbstgemachte Puppen und die Schulhefte ihrer Kinder: Klassenarbeitsheft Russisch des Schülers Alexander Kommissarow, Iwaschewo, Klasse 5b, steht auf einem der Hefte.
Das Mörderhaus von Ugolskoje DLR 22.8.2004

 

Die Nachricht vom Arbeiterstreik in der Stalinallee erreicht den Prawda-Korrespondenten in Ost-Berlin Pjotr Naumow am späten Vormittag des 16. Juni in seinem Büro im sowjetischen Hauptquartier Karlshorst. Gemeinsam mit den Kollegen der Nachrichtenagentur TASS und der „Komsomolskaja Prawda“ fährt er zum Ort des Geschehens. Am darauffolgenden Sonntag, als alles schon vorbei ist, wird der Journalist einen Bericht an seinen Chefredakteur in Moskau schicken. Seine Denkschrift trug das Siegel „geheim“. Sie war nicht für die Zeitung bestimmt und ist bis heute nicht vollständig veröffentlicht.
Drahtzieher Moskau Die DDR-Führung sichert nach dem 17. Juni 1953 ihre Macht. DLR WortSpiel 12.06.2003

 


"Weda Kong gab ein Zeichen, und in der Luft entstand das Bild der Erdkugel. Die Historikerin begann mit ihrem Vortrag. 'Angefangen haben wir mit der Umverteilung der geographischen Zonen unseres Planeten. Die beiden braunen Gürtel in der südlichen und in der nördlichen Hemisphären sind Städte, die heute entlang der milden Klimazonen die Erde wie eine Kette umschließen. Dort gibt es keinen Winter. Die Menschheit muss nicht mehr gewaltige Energiemengen für die Beheizung ihrer Häuser und für die Herstellung schwerer Winterkleidung verbrauchen.'  Weda Kong fuhr mit dem Zeigefinger an einer silbernen Linie entlang, die den gesamten Globus umspannte. 'Vor einigen Jahrhunderten haben wir das Antlitz unserer Erde radikal verbessert. Es wurden künstliche Sonnen hergestellt und über den Polarkappen aufgehängt. Das Klima des gesamten Planeten veränderte sich, die Ozeane stiegen um sieben Meter an. Durch die Kontinente wurden gigantische Kanäle gegraben. Bergketten wurden durchschnitten, damit Wasser- und Luftmassen besser zirkulieren konnten."
So wird die Erde aussehen, nachdem die Sowjetunion die ganze Welt erobert und überall die glückliche und gerechte kommunistische Gesellschaft aufgebaut hat. Zur gleichen Zeit, als der utopische Schriftsteller Iwan Jefremow an seinem Roman "Der Andromedanebel" schrieb, arbeitete man in der Sowjetunion bereits auf vollen Touren am Projekt der radikalen Umgestaltung der Natur.
"Wir lenken den Lauf der Wolga, wir zähmen den Don" Stalins Plan zur Umgestaltung der Natur DLR WortSpiel 16.05.2002

 


Heute darf ich es erzählen, obwohl ich Dima geschworen hatte, kein Wort darüber zu verlieren. Aber eigentlich war es ja kein richtiger Schwur gewesen. Mein bester Freund, damals in der Abschlussklasse, hatte mir bloß in die Augen geschaut und mich gefragt, ob ich auch wirklich darüber schweigen könne. In unserer Clique war es ohnehin selbstverständlich, dass alles, was wir einander erzählten, nicht für fremde Ohren bestimmt war. Wir saßen in einem Vorortzug, in einem fast leeren Waggon, wo niemand zufällig mithören konnte. Dann erzählte mir Dima vom Kommunismus.

Klassentreffen mit Marklena DLR 12.07.2001

Published on  September 13th, 2017