Radiofeatures (Auswahl)

Sie erzählen vom "Bett Putins", die schönen Besucherinnen des Palastes von Silvio Berlusconi. Der italienische Präsident habe dieses große Himmelbett für seinen russischen Amtskollegen bauen lassen, so hört man im einschlägigen Milieu, und es ist vergoldet oder vielleicht ganz aus Gold! Die beiden Männer teilen ihre ästhetischen Vorlieben und sehr vieles mehr. Ohne diese Gemeinsamkeit wären die Beiden jetzt nicht mehr am Leben. Denn etwas Schreckliches ist geschehen. Schauspieler: Bei einem Attentat auf die das Freundespaar stirbt der Cavaliere, und Putin erleidet eine Kopfverletzung. Um sein Leben zu retten, führen Ärzte eine riskante Operation durch. Sie pflanzen Putin eine Gehirnhälfte Berlusconis ein. Putin überlebt, verliert aber sein Gedächtnis.

Theatre.doc Politisches Dokumentartheater. WDR 30.12.2014

 

"Gehst du wirklich ohne Messer aus dem Haus?" hatte der Nazi-Skinhead mit dem Decknamen Tourist gleich als Erstes gefragt. "Bist du leichtsinnig, Mann." Tourist ist Schwergewichtheber. In einem Schnellrestaurant, wo er einen Hamburger und einen Fishburger verspeist, legt Tourist sein Messer neben das Tablett. Offiziell sei das keine Stichwaffe, nur ein Haushaltsgegenstand, meint er. Lang wie ein Brotmesser, hat das Messer in der Mitte Rillen, von denen das Blut ablaufen kann. Bei einem Zusammenstoß mit der Antifa ist es bereits zum Einsatz gekommen: "Ich saß in der U-Bahn und las ein Buch, als mich plötzlich fünf Leute umstellt haben. Also habe ich mein Messer geholt und auf das aufgeschlagene Buch gelegt. Sie sind regelrecht erstarrt. An der nächsten Station bin ich ausgestiegen, und als ich mich dann umgedreht habe, trafen mich ihre zornigen Blicke. Zwei von ihnen hatten ein slawisches Aussehen, die anderen waren irgendwelche Mischlinge, kaukasisch, asiatisch, weiß der Geier, was da alles gemischt war."

  • Der Krieg im Untergrund Neonazis, Antifa und die gelenkte Demokratie. Dkultur 28.11.2011

 

Ich stelle mein Mikrofon auf, da sagt Anissim: "Immer muss ich antworten. Mir reicht's!" Er langt unter den Tisch und holt einen bunten chinesischen Radiorecorder hervor. Am liebsten, sagt der Altgläubige, nehme er die Vögelchen auf, obwohl dieser Recorder dafür eigentlich gar nicht tauge. Doch für das, was er nun vorhabe, würde auch sein Gerät ausreichen. Anissim will mich interviewen. Er legt ein Blatt mit vorbereiteten Fragen auf den Tisch und drückt auf den Aufnahmeknopf.

  • Die Altgläubigen von Schewera Dkultur 27.08.2006

 

Vielleicht hatte sich die Frau des Mörders geschämt, die Flaschen zur offenen Müllgrube zu bringen, denn die Nachbarn hätten dann sehen können, wie viele es waren. Bevor sie dieses Haus an meine Schwiegereltern verkaufte - es war kurz nach dem Mord gewesen, als ihr Mann schon im Gefängnis saß - hatte sie hier noch einige persönliche Sachen abgestellt: Alte Kinderschuhe, selbstgemachte Puppen und die Schulhefte ihrer Kinder: Klassenarbeitsheft Russisch des Schülers Alexander Kommissarow, Iwaschewo, Klasse 5b, steht auf einem der Hefte.

  • Das Mörderhaus von Ugolskoje DLR 22.8.2004

 

Heute darf ich es erzählen, obwohl ich Dima geschworen hatte, kein Wort darüber zu verlieren. Aber eigentlich war es ja kein richtiger Schwur gewesen. Mein bester Freund, damals in der Abschlussklasse, hatte mir bloß in die Augen geschaut und mich gefragt, ob ich auch wirklich darüber schweigen könne. In unserer Clique war es ohnehin selbstverständlich, dass alles, was wir einander erzählten, nicht für fremde Ohren bestimmt war. Wir saßen in einem Vorortzug, in einem fast leeren Waggon, wo niemand zufällig mithören konnte. Dann erzählte mir Dima vom Kommunismus.

 

Published on  March 20th, 2017