Der Internetkrieger

Ein Ereignis machte Marcel Sardo vor drei Jahren berühmt und bescherte ihm den Ruf eines Putin-Trolls. Es war genau dasselbe Ereignis, das auch mich politisch aufgerüttelt hat. Anfang 2014 hockten wir beide wie gefesselt vor unseren Computern und verfolgten Livestreams aus Kiew. Sardo erzählte mir, dass dies sein Erweckungserlebnis war. Wir sahen dieselben Bilder der Maidan-Revolution, und doch brachten sie uns auf verschiedene Seiten einer Front, die unsere politische Umwelt heute spaltet.

Vor dem Maidan war Marcel Sardo ein Schweizer Kleinunternehmer, der in seinem Sozialen Netzwerk ganze 25 Freunde hatte. Heute ist sein Twitter Account ein Quasi-Massenmedium, der Millionen Menschen weltweit erreichen kann. Dieses mediale Gewicht warf Sardo gegen den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko in die Waagschale, während der Präsidentschaftswahl in den USA griff er Hillary Clinton an, dann Emanuel Macron bei der Wahl in Frankreich, und nun, im Vorfeld der kommenden Bundestagswahl twittert er gegen das "Merkel-Regime". Erst die globale Vernetzung machte es Menschen wie Marcel Sardo möglich, sich jenseits der etablierten Medien oder Parteien politisch einzubringen. Fast könnte man das als einen Sieg der Basisdemokratie feiern, wenn da nicht noch jemand im Spiel wäre, der mit Demokratie wenig am Hut hat: der russische Präsident Wladimir Putin.

Marcel Sardo, der sich als "prorussischen Medienschützen" bezeichnet, gehört zu weltweit lautesten Sprachrohren der russischen Staatsmedien auf Twitter. Seine eigene Stimme klingt aber distinguiert, und nur wenn er von Russland spricht, bekommt sie einen charmanten schweizerischen Beiklang. Ist Sardo also einer von diesen Unholden des Internets, die in den Kommentarspalten der Medien und in sozialen Netzwerken unter dem Diktat des Kremls Lügen verbreiten? Der Blogger scheint müde, diesen Vorwurf zu widerlegen. "Würde mir die russische Regierung wirklich Geld geben, würde ich es nehmen", gibt er schließlich zu.

Doch so einfach gibt es kein Geld vom Kreml, wie ich neulich in Moskau von Andrei Soldatov erfuhr. Soldatov ist Experte für Geheimdienste und Internet, und wenn er die Arbeitsbedingungen von Kremltrollen beschreibt, muss man fast Mitleid mit den armen Schreibern haben.

Der Arbeitstag eines Trolls beginnt mit zwei Anweisungen. Erstens, welche Personen oder Parteien man heute loben und wen "kaltmachen" soll, und zweitens, wie genau man das begründet. Ein Troll wird nie in die Strategie eingeweiht, es reicht, wenn er immer wieder schreibt, dass die Ukrainer Faschisten sind. "Kreativität ist nicht erwünscht", sagt Soldatov. Deswegen seien die Beiträge verschiedener Trolls immer gleich und können kaum jemanden überzeugen. Viel Geld gibt es dafür nicht, aber wenn der Troll eine Studentin irgendwo im Osten Deutschlands ist, kann es vielleicht für die Zimmermiete in einer WG reichen.


Das Medium Marcel Sardo

Marcel Sardo findet die Vorstellung lustig, dass Leute wie er angeblich jeden Morgen eine "schlechtgelaunte Telefonistin im Kreml", wie er sagt, um Anweisungen bitten müssen. Sardo ist ein anderes Kaliber. In meiner sowjetischen Kindheit war die Welt, die man heute mit dem Smartphone in der Tasche trägt, die kleine Skala eines Weltempfängers. Wir hörten verbotene Sender wie Radio Liberty oder Deutsche Welle und kleinere Kurzwellensender aus den fernsten Ecken der Welt. Das Medium @marcelsardo ist in der vernetzten Welt wie einer dieser Sender. Es ist Teil eines Netzwerks, das in seinem unmittelbaren Umkreis ein Dutzend "Aktivisten" zählt und bis zu Zigtausend Teilnehmer im weiteren Umfeld hat. Im unsichtbaren Teil dieses Netzwerks wirken geschlossene Gruppen, von denen Sardo selbst zwei gegründet hat. Eine Gruppe versammelt Freiwillige, die zum Beispiel gegen die angebliche "Russland-Hetze" aktiv werden, in einer anderen Gruppe werden die Mainstreammedien kritisiert, die dritte setzt sich für den syrischen Präsidenten Assad ein. Sardo sagt, dass er bei der medialen Recherche auf 50.000 Kontakte zugreifen kann, die ihm helfen, Nachrichten zu erhalten und sie zu überprüfen. Von Tausenden Mitstreitern findet sich immer jemand, der auch die schwierigsten Fragen zeitnah klären kann.


Dieses Netzwerk der Gleichgesinnten sorgt dafür, dass Sardo immer Berichte erreichen, die seinem politischen Standpunkt entsprechen. Solche Nachrichten – etwa "AfD-Stimmen fälschlicherweise für ungültig erklärt" oder "Merkel ist aus der Mode gekommen" – schickt Sardo dann weiter. Seine maximale Reichweite in diesem Jahr waren 3.8 Millionen Menschen weltweit. Noch größer ist die Reichweite des gesamten Netzwerks um Marcel Sardo. Im vergangenen Juli erreichte es insgesamt bis zu 31 Millionen Menschen. Und letztes Jahr konnten potenziell 310 Millionen Twitter-Nutzer seine Nachrichten in ihrem Feed sehen.


Sardo wird hauptsächlich in den USA, Deutschland und Russland gelesen. In diesem Sommer erreichte er überproportional viele Menschen in NRW. Dort wurden bei der Landtagswahl die Stimmen für die AfD falsch gezählt, und Sardo schrieb von einem angeblich absichtlichen Wahlbetrug. Das war nicht das erste, und wahrscheinlich nicht das letzte Mal, als er Nachrichten verbreitete, die das demokratische Wahlsystem diskreditieren sollten. Schon während der USA-Wahl 2016 war er Teil der Desinformationskampagne, die behauptete, die Abstimmung würde zu Ungunsten Trumps gefälscht werden. Diese Kampagne haben pro-Trump-Medien geführt, aber auch die russischen RT und Sputnik.


Die Macht der Lüge

Marcel Sardo hat 2017 im Durchschnitt 87 Nachrichten pro Tag gepostet, fast übermenschlich viele. Doch dahinter steckt kein Bot, kein Algorithmus, sondern etwas Allzumenschliches: die Leidenschaft eines Neubekehrten. Vor drei Jahren sah Sardo Neonazis auf den Bildern vom Maidan, und das war der Moment, als er zum ersten Mal die Macht politischer Lügen spürte. Mir ging es genauso. Ich schaute live zu, wie Menschen auf dem Maidan erschossen wurden, wie russische Kommandos auf der Krim und im Donbass auftauchten. Ich sah Krieg und Annexion, während einige Medien oder Freunde die russische Propaganda nachplapperten, die Revolution sei ein faschistischer Putsch, Russland komme als Befreier. Marcel Sardo sah aber Rechtsradikale auf dem Maidan und musste zu seinem Entsetzen feststellen, dass im Westfernsehen solche Bilder kaum zu sehen sind. Dem Entsetzen folgte die Wut. Dieselbe Wut, die wenig später in den Lügenpresse-Rufen der Pegida, AfD oder Front National erklang.

Der Moment der Lüge war Sardos Moment der Wahrheit. Der bisher platonische Russland-Liebhaber wurde zum Internet-Krieger gegen den westlichen Mainstream und für das russische Regime. Marcel Sardo vergleicht sich selbst mit Juri Gagarin, dem sowjetischen Weltraumpionier, und das nicht ganz zu Unrecht. Der Blogger verkörpert ein neues politisches und mediales Phänomen, das über die Bedeutung eines Putins weit hinausgeht. Die weltweiten Netzwerke die er und seine Gleichgesinnten aufspannen sind viel einflussreicher als ein paar bezahlte russische Trolle. Online und offline tragen sie das politische System des Westens Stück für Stück ab, bis es durch ein autoritäres System abgelöst werden kann.

Der politische Kampf von heute ist der Kampf der Realitäten. Leute wie Sardo treibt das Gefühl an, für dumm verkauft zu werden. Es sei doch sonnenklar, dass der Maidan ein faschistischer Putsch war, von der CIA inszeniert. In Sardos Realität kann es keinen Volksaufstand geben, nur Drahtzieher hinter den Kulissen. Sardo nennt sie die "Atlantisten", die anderen sprechen vom Finanzkapital, das für die dritten auch noch jüdisch ist. Für solche Verschwörungstheoretiker ist Putin ein Erlöser, ein Gegengewicht zur geheimen Macht des Westens. Nicht die Gesellschaft, sondern der Herrscher ist für sie ein wahrer Souverän, deswegen fühlen sie sich von allen Putins dieser Welt angezogen.

Im vergangenen Jahrhundert war diese Rolle schon mal dem Kreml zugesprochen worden. Westliche Stalinversteher, von Lion Feuchtwanger bis Sartre, suchten in meinem Geburtsland das politische Gegenmodell. Sie pilgerten nach Moskau sogar während des großen Terrors, und sie fanden dort scheinbar das, wonach sie sich sehnten, eine Alternative zum Westen. Natürlich ist Putin kein Stalin, und die heutigen Putinversteher sind keine Sartres. Marcel Sardo, der in einer italienischen Familie aufgewachsen ist, erkennt in Putins Russland seine Kindheit wieder. Die noch intakten Familien, Frömmigkeit und diese Babuschka, die einem im Bus Fahrscheine von einer langen Rolle verkauft.
Ich kenne ein anderes Russland, in dem fromme Priester Kampfpanzer mit Weihwasser besprühen und wo diese alte Schaffnerin nicht von ihrer Rente leben kann und dennoch Putin toll findet. Für Marcrel Sardo ist dagegen der Westen ein ungastlicher Ort. Hier wird er wegen seiner Tätigkeit oft persönlich bedroht, und er findet keinen Job. Auf Sardos Twitter-Seite steht, dass sie mit seinem Beruf nichts zu tun habe. Dennoch, sagt er, auf seiner Stirn stehe eingebrannt: Paid by the Kremlin. Also entschied sich der Schweizer unlängst zu einem radikalen Schritt.

Sardo hat Freunde in Russland, die seine Lage kennen, und er vermutet, dass jemand mit jemanden gesprochen hat. Dieser ihm unbekannte Gönner muss gesagt haben, "Schau, der Junge, der setzt sich ein für uns, der hat Probleme. Gib ihm 'nen Job". Und tatsächlich, wie in einem Märchen bekommt der Medienmanager Marcel Sardo ein Stellenangebot von einem weltweit agierenden russischen Unternehmen. Er kann natürlich nicht verraten, welches das ist, aber alles klingt nach einem staatstragenden Konzern wie Gazprom oder Rosneft. Sardo nimmt das Angebot an, eine Stelle im Marketing, nichts Politisches. Marcel Sardo hat sich Gagarins Spruch, Pojechali, los geht's! zu eigen gemacht. Am 1. September verlässt er die Schweiz und zieht nach St. Petersburg. Nach Jahren des Einsatzes für das virtuelle Russland, für ein politisches Regime, das er mit meinem Geburtsland gleichsetzt, erwartet ihn dort nun die Realität.

 

© »Alles für Putin« Die Welt, 24. August 2017

Published on  August 29th, 2017