Als ich Juden nicht riechen konnte

Meine Eltern hatten keine Menora, und ich kannte das Wort nicht, bis ich selbst eine kaufte, bei einem türkischen Trödler in Berlin, noch Mitte der Neunzigerjahre, etwa zur gleichen Zeit, als ich mir ein Palästinensertuch zulegte. Der siebenarmige Leuchter stand auf dem Kachelofen, das Tuch trug ich wie einen Schal um den Hals. In meiner Straße in Kreuzberg lief damals fast zu jeder Tageszeit jemand mit einem, wie wir sagten, Pali herum, und ich bin mitgelaufen, nicht weit, nur bis zur nächsten Kneipe. Aber andere liefen weiter, es war ein langer Weg, und erst in den letzten Wochen wurde mir klar, wohin er geführt hat. In den Kibbuz Be’eri, in das erste Haus, das die freiwilligen Ersthelfer von ZAKA Search and Rescue dort aufsuchten.

Eltern knien mit dem Gesicht nach unten vor ihren Kindern, fünf oder sechs Jahre alt, alle gefesselt, alle tot. Die Freiwilligen stellen fest, dass Körperteile fehlen, mehrere Finger, ein Auge. Die Folter muss lange gedauert haben, denn zwischendurch assen die Mörder vom Tisch, den die Familie für ihr Samstagsessen gedeckt hatte. Irgendwann erschossen sie alle vier.

Mein Palituch habe ich damals bei Nanu-Nana gekauft, schon an der Kasse aus der Kiste mit reduzierten Accessoires gefischt, für drei Mark, glaube ich. Es passte gut zu meiner Motorradjacke aus Büffelleder mit Schulterstücken und Riemen. Metallschnallen gab’s auch, aber keine Nieten. So ging ich einmal in die taz, wo mich meine Redakteurin, die später zur Welt ging, fragte, ob ich denn wüsste, was ich da anhätte. Das sei ein PLO-Schal, und diese Palestine Liberation Organization sei antisemitisch. Meine Jacke fand sie auch daneben.

Ich kaufte auf dem Flohmarkt eine andere, weniger prollige Lederjacke und trug mein Halstuch weiter. Natürlich wusste ich, das war kein Ethno-Chic, so wie der rote Stern kein Symbol für einen Himmelskörper war oder die Swastika für Glück. Kann es sein, dass ich, ein jüdischer Junge aus dem judenfeindlichen Moskau, in Berlin zum Antisemiten wurde? Das weiß ich erst, wenn ich hier darüber schreibe.

 

Kein Friede für Nahost

«Dort gibt es nie Frieden», sagte, an seiner berühmten Pfeife ziehend, Josef Stalin, als er 1948 sein Politbüro anwies, den neu gegründeten jüdischen Staat anzuerkennen. Seine eigenen Juden, einschließlich meines Vaters und seiner Familie, wollte Stalin in den Fernen Osten deportieren. Die Aktion sei schon angelaufen gewesen, als Stalin «krepierte», erzählte mir mein Vater. Stalins Nachfolger brachen die Deportation ab, sie taten aber sonst alles, damit ihr Führer recht behielt: Kein Friede für Nahost.

Palästinensertücher hießen bei uns einfach «Arafatka», und Yasir Arafat kannte jeder aus dem Fernsehen als Kämpfer für die Völkerfreundschaft, gegen die amerikanischen Imperialisten und die israelischen Aggressoren. Mein Vater nahm das sehr persönlich. Besonders unangenehm war ihm, wenn meine Schulklasse zum Fähnchenschwenken abkommandiert wurde, während Arafat in mehreren schwarzen Limousinen vom Flughafen zum Kreml fuhr. Er band sich seine Arafatka so um den Kopf, dass es von oben wie die Karte von Großpalästina aussah, mit einem dicken Stück Jordanien, das über seine linke Schulter hing.

Habe ich zusammen mit meinem Vater darüber gelacht? Das weiss ich nicht mehr, aber was ich als Teenager definitiv nicht lustig fand, war Vaters Besessenheit von den Juden. Sein verzerrtes, verschnürtes Gesicht, wenn das Radio von «zionistischen Kriegstreibern» sprach. Oder sein Strahlen, wenn das andere Radio, das mit der langen Kurzwellenantenne, uns aus dem Ausland erzählte, wie israelische Kommandos Geiseln befreiten.

«Willst du etwa beim Mossad anheuern?», genauso gut hätte ich zu Vater sagen können, du bist ein verschüchterter jüdischer Ingenieur, der ständig über Verfolgung klagt. Ich selbst wollte kein Soldat werden, ein israelischer sowieso nicht, ich wollte einfach nichts zu tun haben mit dem ganzen Judenzeugs.

 

Universität der Völkerfreundschaft

Ich spielte Tennis in der Sporthalle einer Moskauer Uni, an der Mahmud Abbas, heute Vorsitzender der PLO und Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, über die Verbindungen zwischen Zionismus und Nationalsozialismus promovierte: Die Gaskammern habe nicht gegeben, die sechs Millionen auch nicht, und die Massenvernichtung sei von den Juden selbst vorangetrieben worden, also von den Zionisten. Was auf der Straße «du lausiger Jud» war, hieß im Büro oder in der Zeitung «Zionist», ganz im Sinne der sowjetischen Völkerfreundschaft.

So nannte sich auch die Uni, in der ich Tennis spielte, Universität der Völkerfreundschaft. Dort haben der spätere Diktator Irans Khamenei oder der Star-Terrorist Carlos der Schakal studiert. Um diese Freundschaft zu festigen, verbreitete der KGB über ganz Nahost die «Protokolle der Weisen von Sion» auf Arabisch, ein Exportschlager schon bei seinen Vorgängern in der zaristischen Geheimpolizei Ochrana.

Was man in Palästina nicht schon von Mullahs und Pfarrern über die bösen Juden wusste, erklärten erst die Nazis, dann die Sowjets. Die sowjetischen Erben des Russischen Reiches waren ganz besonders erfolgreich, weil alle «Menschen guten Willens», wie sie uns Träger von Palitüchern nannten, sie nach Kräften unterstützten. Unter sich nannten sie uns ihre nützlichen Idioten.

Wir haben Israel zum Juden unter den Staaten gemacht und wir nannten das «Israelkritik». Wir behaupteten, man dürfe Israel ja nicht kritisieren, und heute verurteilt der UNO-Menschenrechtsrat den jüdischen Staat häufiger als alle anderen Länder zusammen. Auf frühere israelkritische UNO-Resolutionen folgten sowjetische Waffen, amerikanische Dollars und ostdeutsche Ausbildungslager für Terroristen. Bald lebten wir in einer alternativen Realität, in der das kleine unterdrückte Volk der Palästinenser einen Befreiungskampf gegen den übermächtigen, bis an die Zähne bewaffneten israelischen Aggressor führte.

 

Komm und sieh

Immer wieder werden die ZAKA-Helfer auf die verkohlte Leiche eines Babys angesprochen, die sie in einem Backofen gefunden hatten. Das sei doch noch nicht das Schlimmste, antworten sie. Das Schlimmste sei, mit anzusehen, was deinem Kind angetan werde. Sie fragen sich, wer von der Familie im Kibbuz Be’eri länger am Leben gelassen wurde. Ob die Eltern zusehen mussten, wie ihren Kindern die Finger abgeschnitten wurden, oder ob die Mörder beide Kinder zusehen ließen, wie sie einem der Eltern ein Auge aushackten. Oder mussten alle zusehen?

Die Folter wurde ausdrücklich angeordnet und, wie Online-Videos zeigen, unter Jubel ausgeführt. Verantwortlich für das Massaker sind die unmittelbaren Täter, Mitglieder der Hamas, kleinerer Terrorgruppen und palästinensische Zivilisten, die sich ihnen angeschlossen haben. Verantwortlich sind ihre Befehlshaber, ihre politischen Führer und all jene, die den Terror mit Waffen, Geld, Resolutionen, Narrativen und Lügen versorgen. Aber letztlich haben auch Millionen von uns, die sich Palästinensertücher um den Hals binden, ihren Teil dazu beigetragen. Ob als Statement oder als Accessoire, für die Opfer macht es kaum einen Unterschied.

Ich bin nur zwanzig Minuten zu Fuß von einem Ort entfernt aufgewachsen, wo an der Vorbereitung und Rechtfertigung solcher Verbrechen gearbeitet wurde. Natürlich nicht nur dort, auch in Teheran oder Beirut oder New York, überall dort, wo gelehrt und propagiert wurde, dass die Araber einen heiligen oder dekolonialen Krieg gegen Israel führen müssten, gegen die USA, gegen die Ungläubigen, gegen den Kapitalismus, den Imperialismus, den Kolonialismus oder wie auch immer die Modewörter heißen mögen, Hauptsache Krieg.

 

Vaters Bart

Ich wusste schon als Kind, dass ich jüdisch bin, aber irgendwie auch nicht, denn nur mein Vater war Jude. Meine Eltern wollten nicht nach Israel auswandern, und ich war nur froh darüber. Wenn es so schmerzhaft war, eine jüdische Hälfte zu haben, wie sollte es dann in einem Land voller Juden sein?

Als ich 14 wurde, begannen meine Eltern vorsichtig mit mir darüber zu sprechen, was ich werden sollte. Sie meinten, auf dem Papier. In unseren sowjetischen Ausweisen stand nämlich, welcher Ethnie wir angehörten, ob wir Ukrainer, Tschetschenen oder ganz normale Russen waren, und der Eintrag «Jude» war einer der schlimmsten. Mein Vater konnte mir das bestätigen, er trug seinen «Juden» überall mit sich herum, in seiner Geburtsurkunde, in meiner, denn in den Geburtsurkunden der Kinder stand die «nationalnost» der Eltern. Vater musste es in seinen Bewerbungen angeben, für Studienplätze, für Jobs, für Auslandsreisen. Fast alle wurden abgelehnt.

Ich sollte mich also zwischen seinem «Juden» und dem «Russin» meiner Mutter entscheiden. Wenn Vater erzählte, dass Juden soundso viel Prozent der Weltbevölkerung ausmachten, sehr wenig, und so viele Nobelpreise bekämen, sehr viele, fand ich das albern. Ich ließ ihn das spüren, ich verstand nicht, dass Vater sich nur wehrte, dass er kein armes jüdisches Würstchen sein wollte. Aber wirklich sicher fühlte er sich nur unter seinen Büchern, irgendwo zwischen seiner Bibliothek der Weltliteratur in hundert Bänden und den elf Bänden der Jüdischen Enzyklopädie.

Schon das gedruckte Wort Jude war mir unangenehm, die Buchstaben krochen übereinander, kratzten sich, еврей. Ja, ich war ekelhaft, und weil ich es war, weiss ich heute, wie ekelhaft Judenhasser sind. Als Vater in die Jahre kam, setzte er sich auch zu Hause eine Kappe auf die Glatze, ihm war immer kalt. Ich fand seine Mützen unerträglich, obwohl er nie eine Kippa trug. Ein paar Jahre hat er eine turkmenische Tubeteika getragen, kaum grösser als die Kippa, schwarz mit grellgrünem Muster, dann bis zu seinem Tod einen kirgisischen Kalpak, weißgrau und riesig wie ein Reiterhelm. Wie habe ich mich für ihn geschämt, obwohl Vater natürlich so nie zur Arbeit oder zum Elternabend ging, das wäre unvorstellbar gewesen, er wurde ohnehin oft genug wegen seines Vollbarts angefeindet. Sein Bart war schön, schwarz mit rötlichen, später grauen Strähnen, und nein, ich habe Vater nicht gehasst, und auch nicht mich selbst.

Mir war aber mein krumm klingender Nachname unangenehm, meine aschkenasische Nase auch. Ich sah mich mit den Augen unserer Antisemiten. War ich selbst einer? Der Antisemitismus ist vollkommen inklusiv, selbst Juden dürfen Antisemiten sein, und erst recht Mischlinge, wie mich die Nazis genannt hätten.

 

Wenn Worte töten könnten

«Der Spruch ‹Wenn Worte töten könnten› ist längst aus dem Irrealis in den Indikativ geholt worden», sagte Heinrich Böll 1959. «Ich brauche nur ein Wort zu nennen: Jude.» Heute, in der sozial vernetzten Welt, können beiläufig gepostete Worte töten, Memes können töten, Likes können töten, und Kleidungsstücke auch.

Nicht erst seit heute werden Kriege auf mehreren Ebenen geführt, mit Messern und mit Narrativen. Die Hamas und der Islamische Jihad schneiden Menschen Körperteile ab, ihre Unterstützer verklären das als «Dekolonisierung», als «Widerstand». Beide sind aufeinander angewiesen. Das postkoloniale Narrativ kann ohne Befreiungskämpfer nicht fortgeschrieben werden, und Terroristen brauchen neue Worte, die töten. Sonst bliebe ihnen nur ihr Kalifat, eine mittlerweile abgestumpfte diskursive Waffe.

Der Judenhass ist über die Jahrtausende mutiert: Im Westen war er einst religiös begründet, weil es bekanntlich die Juden waren, die Christus gekreuzigt hatten. Ab dem 19. Jahrhundert speiste er sich aus dem Rassenwahn. Heute kann die Hamas in ihrem Programm das «Verschwinden» des «zionistischen Gebildes» aus Palästina fünfmal mit «Kolonialismus», zwölfmal mit «Widerstand» und 14mal mit «Befreiung» begründen.

 

Das Gerücht über die Juden

Theodor Adorno nennt den Antisemitismus «das Gerücht über die Juden», denn er ist mehr als nur Hass gegen Fremde, sondern ein Narrativ, eine Erzählung aus Worten, die töten. Diese Erzählung ist endlos, hier nur eine Kostprobe davon, was ich nach dem Massaker höre:

Ich höre Judith Butler. Sie hatte schon 2006 die Hamas und Hisbollah zu einem «Teil der progressiven Linken» erklärt. Heute sagt sie in einem Interview mit «Democracy Now», es handle sich um keine Terroristen, sondern um «bewaffneten Widerstand». Das ist inhuman, aber nicht antisemitisch. Dann sagt Butler, Israels Krieg gegen die Hamas sei ein Genozid, auch wenn er anders aussehe als der Holocaust. Israel töte gezielt Menschen, die einer «rassischen» Gruppe angehörten. Die Zivilisten in Gaza werden von israelischen Bomben getötet, von der Hamas als Schutzschilde benutzt und von Butler rhetorisch missbraucht, um das Gerücht zu verbreiten: Die blutrünstigen Israeli seien die Nazis von heute. Das ist die alte Ritualmordlegende, nur modernisiert, das ist Antisemitismus.

Ich lese Malcolm Ohanwe. Der deutsche Fernsehmann schreibt, das Massaker sei die Antwort auf die «maßlose und willkürliche Gewalt» der Israeli. Das ist keine neue Logik, schon die Shoah wurde oft als Reaktion auf den «jüdischen Bolschewismus» bezeichnet und damit entschuldigt. Ohanwe steht in der alten Tradition, die Juden für ihr Leid verantwortlich zu machen. Das ist Antisemitismus.

Ich sehe, wie Greta Thunberg in einem Post eine proisraelische Weltverschwörung der Medien unterstellt und für einen Account wirbt, der Israel des Genozids in Gaza beschuldigt. Vielen ist in Thunbergs Posting eine Stoff-Krake aufgefallen, der Code für jüdische Weltregierung. Die Aktivistin sagt, sie habe das nicht gewusst, und vielleicht wusste sie auch nicht, welche antisemitischen Quellen sie Millionen ihrer Fans empfahl. Aber was sie weiß oder nicht weiß, ist irrelevant, es zählt, was sie tut. Shares sind Taten, dog whistles, die versteckten Codes, sind Taten, und all das ist Antisemitismus.

 

Antisemitisch, harmlos

«Ich kann Juden nicht riechen», das sagte 1956 eine Teilnehmerin des Schriftstellertreffens, bei dem Paul Celan und Heinrich Böll dabei waren. Celan war entrüstet, Böll fand, dass der Satz nicht so gemeint sei, nur «unselbständig aus dem Vokabular des Antisemitismus übernommen». Böll war kein Antisemit, aber wie nennt man diejenigen, die den Judenhass kleinreden? Mir hätte Böll mein Halstuch bestimmt verziehen, Paul Celan fühlte sich damals von seinem Freund verraten, eines von vielen Erlebnissen, die ihn zehn Jahre später in die Seine führten, weg aus unserer infamen Welt.

Es hat Tradition, Antisemitismus als «nicht per se antisemitisch» darzustellen, wie es die sogenannte Jerusalemer Erklärung tut: Die BDS-Kampagne, die zu einem umfassenden Boykott Israels und aller Israeli aufruft, oder das eliminatorische dog whistle «From the river to the sea», das sogar in der Hamas-Charta steht, alles sei «per se» nicht antisemitisch. Diese Erklärung wurde 2021 von mehr als 200 Personen aus Wissenschaft und Kultur unterschrieben, eine der Erstunterzeichnerinnen war die Autorin Eva Menasse. Auch nach dem Hamas-Massaker spricht Menasse in einem Zeit-Podcast davon, dass sie sich «sehr viele Varianten von harmlosem Antisemitismus» vorstellen könne, dass «Antisemitismus eine Meinung» sei, und solange niemand physisch attackiert oder bedroht werde, «darf man meinen, dass Juden etwas sind, was man nicht mag», um «Reste von dem zu bewahren, was Meinungsfreiheit ist».

 

Die Antisemitismus-Puppe

Als ich 2021 die Juden mit SS-Runen, Mossad-Brillen und Judennasen sah, die von indonesischen Kuratoren auf der Kasseler Documenta gezeigt wurden, erkannte ich sie sofort wieder. Das waren die «Zionisten» von den Wandzeitungen in meiner Moskauer Schule. Die unseren sahen nicht ganz so jüdisch aus wie die indonesischen, weil unsere besten Künstler bei diesem Unsinn nicht mitmachen wollten, ich auch nicht. Eva Menasse verspottete damals im Spiegel Kritiker, die sich über antisemitische Bilder, Schriften und Filme auf der Documenta empörten: «Die einzige Forderung, die noch fehlte, war, ganz Kassel niederzubrennen, damit angemessen Busse getan ist. Und all das wegen ein paar Männchen auf einem neun mal zwölf Meter großen Wimmelbild.» Sie selbst habe «keine Angst vor 20 Jahre alten antisemitischen Karikaturen aus Indonesien, auch nicht vor denen, die sie gewebt oder gemalt haben». Was sie aber wirklich «ungeheuer schändlich» findet, sei die Resolution des Bundestags gegen die BDS.

«Morgen ist Pogrom, Abram!», sagt ein Jude. – «Aber ich bin Russe im Pass.» – «Sie schauen dir nicht in den Pass, sie schauen dir auf die Nase.» Das ist unser alter Witz über Leute, die Juden an ihren Nasen erkennen können. Diese Nasen gelten als länger und etwas krummer als die Nasen von Zeichnern antisemitischer Karikaturen, vor denen Menasse keine Angst hat. Denn sonst sollten Juden natürlich Angst haben, sie sollten zitternde, wehrlose Opfer sein. Damals in Moskau habe ich auf meinen Vater herabgeschaut, wenn er sich über die Judennasen in der Prawda aufregte. Ich habe mich gegen den «Juden» im Pass entschieden. Heute wehre ich mich hier und jetzt gegen Gerüchte über Juden in Wort und Bild, gegen deren Urheber und Verharmloser.

Bilder können töten, die Documenta-Karikaturen können sich verwandeln, neben Mossad-Juden erkenne ich blutüberströmte misshandelte Frauen, verhöhnte verschleppte Kinder. Die Hamas hat solche Videos live gepostet, damit ihre Anhänger etwas zu feiern haben. Die Terroristen wissen: Es gibt keine Brutalität, die ihre Unterstützer und Versteher nicht erklären, kontextualisieren, differenziert betrachten können. Noch am Abend des Massakers wurde es in vielen Städten der Welt bejubelt, auch in meiner. Das Video der Massaker-Party in Neukölln hatten die Kuratoren von Judenbildern, vor denen Eva Menasse keine Angst hatte, mit «Gefällt mir» markiert.

Der Antisemitismus ist wie eine russische Puppe. Innen Mord, aussen Gerücht, und darüber noch eine Schale, die Verharmlosung. Stimmen wie die von Eva Menasse sorgen dafür, dass sich das Gerücht über die Juden immer weiter verbreitet, dass der tradierte Antisemitismus sich in immer neue politische Moden hüllt, dass er nicht endlich dort landet, wo die Chemtrails-Gläubige, die Flat Earth Society und Reptiloiden auf die Israelkritik warten.

 

Verzieh

Könnte sich das Gerücht über die gefährlichen Juden, ihre Weltmacht, ihre Nasen überhaupt so weit verbreiten, wenn es nicht für harmlos erklärt würde? Diese Phrasen nach dem Massaker: Ja, die toten Babys, aber die nationalistische Regierung Israels hat doch selbst dazu beigetragen; ja, aber Israel ist doch gar nicht «in seiner Existenz bedroht», wie Eva Menasse heute behauptet; und überhaupt, was regt ihr euch alle so auf? So habe ich damals mit meinem Vater geredet. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob er etwas zu meinem Halstuch gesagt hat, als er mich in Berlin besuchte. Mein Vater musste nicht von Böll lernen, dass Worte töten, und er hätte wahrscheinlich geahnt, welche Folgen unsere modischen Tücher haben könnten.

Heinrich Böll würde diese Mode vielleicht als „unselbständig“ verzeihen, Eva Menasse als „harmlos“. Diese Tradition der Verharmlosung gibt es spätestens seit der Nachkriegszeit. Aber mein Halsftuch war nicht harmlos. Auch wenn es nur ein Komma in der Bibliothek todbringender Gerüchte, Geschichten, Bilder und Likes war, handelte ich antisemitisch. Was ich damals wusste, dachte oder fühlte, ändert nichts an dem, was ich getan habe. Ich kann nichts zurücknehmen, nichts kann je wieder gutgemacht werden. Ich kann noch mehr darüber schreiben, aber ich werde Vater nie sagen können, verzeih mir.

 

© »Als ich Juden nicht riechen konnte«  Neue Zürcher Zeitung,   2. Dezember 2023 

Published on  December 3rd, 2023

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