Evakuiert

Mein Vater, der nicht mein Vater ist, er ist erst vier, steht an der Reling eines Passagierschiffes und weint. Ein Windstoß hat ihm gerade die Mütze vom Kopf gerissen und über Bord geworfen. Es ist ein Schiffchen, grün und mit roter Quaste, das auf Russisch Pilotka heißt und nichts mit diesem kleinen Binnenschiff zu tun hat, das gestern den Moskauer Flussbahnhof verließ und immer weiter nach Südosten fährt, auf der Moskwa und Oka und Wolga und Kama in den Ural oder in die Evakuazija, wie man in diesem Juli 1941 sagt, um nicht zu sagen, in die Flucht. Vielleicht hat Papa gerade gesehen, wie sein Schiffchen im grauen Fluss untergeht, oder er kann vielleicht noch die rote Quaste sehen, die sich immer weiter entfernt.

Wenn Vater 74 wird, wird er in seinem Moskauer Briefkasten einen Brief finden von einer Organisation namens Claims Conference, die ihm eine Entschädigung für seine Evakuierung in Aussicht stellt, 2.556 Euro und 45 Cent. Ist das nicht zu viel für ein Schiffchen mit Quaste? Das werde ich meinen Vater nicht fragen. So werde ich mit ihm nicht mehr sprechen, nicht seitdem ich nach Berlin gegangen bin und er in Moskau geblieben ist.

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Papa weint an der Reling wegen der verlorenen Mütze. Er hat nicht geweint, als seine Mutter, meine Oma Nora, ihn zum Flussbahnhof gebracht hat und als sie winkend am Pier zurückblieb. Papa dachte, er fährt wie letztes Jahr ins Sommerlager. Nora wusste, dieses Jahr ist anders, weil Krieg ist. Sie wusste aber nicht, dass die letzte große Stadt vor Moskau, Smolensk, bereits eingekesselt worden war, davon erzählte das Radio nicht. Nora wusste nicht, dass Papa am ersten Abend seiner Flussfahrt einen rötlichen Schimmer am Horizont sehen wird, den ersten Luftangriff auf Moskau. Sie wusste nicht, dass die Wehrmachtsoffiziere bald die ersten Häuser der Stadt mit ihren Feldstechern erkennen werden, nur noch ein Tagesmarsch, und sie würden in Moskau sein.

Papa ist noch zu klein, um ohne Eltern zu verreisen. Nur durch Zufall kam er auf dieses Schiff. Papas Vater, der von Nora damals schon getrennt lebte, hatte von dieser Evakuierung gehört, und er sorgte dafür, dass seine beiden Söhne mitfahren konnten, Papa und sein Halbbruder aus einer anderen Ehe. Nora stimmte zu. Sie war Bolschewikin und verurteilte Eifersucht als ein kleinbürgerliches Gefühl, die Liebe sollte frei sein, auch wenn sie weg war. Noras Nicht-mehr-Ehemann schenkte ihr ein Foto, das sie seitdem immer aufbewahrt hat und das später, nachdem ihr Immer endete, im Bücherregal meines Vaters stand: mein Großvater mit runder Trotzki-Brille, Papa auf seinem Schoss, und auf der Rückseite die Aufschrift: Für Nora, danke für unseren Sohn. Wenn sich Nora wie eine betrogene Ehegattin gefühlt hätte, hätte sie Papa niemals mitfahren lassen, und wenn die Deutschen Moskau besetzt hätten, wäre Papa dort geblieben, in diesem doppelten deutschen Irrealis.

Man sagte damals nur im Radio Nazisten, auf der Straße nannte man sie wie das Land, in dem ich jetzt lebe und wie die Sprache, in der ich schreibe. Kiew hatten sie schon besetzt, jetzt war Moskau dran. Fünf Wochen nachdem sie in Kiew einmarschiert waren, gaben sie folgende Bekanntmachung heraus: Sämtliche Jidden der Stadt und Umgebung  haben sich am Montag um acht Uhr Ecke der Melnik- und Dokteriwski-Straße einzufinden. Hätten die Deutschen, die Nazisten, auch in Moskau „Jidden“ geschrieben, oder wären sie beim neutralen „Juden“ geblieben, wenn Juden je neutral sein können? Ich sehe, wie Nora diese Bekanntmachung liest.

An der Tafel für Zeitungsaushang, wo sie auf dem Weg zur Arbeit die frische Iswestija gelesen hat – die Prawda abonnierte sie – hängt in einer Ecke nur ein kleiner Anschlag. Nora liest. Die deutsche Kommandantur an sämtliche Juden der Stadt Moskau: Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt und anderweitig angetroffen wird, wird erschossen. Nach allem, was ich über Nora weiß, kann sich ihr Lebensweg hier teilen. Die eine Nora, die schon in ihrer Kindheit eine Untergrundkämpferin war, schaut sich einmal um, reißt das Papierblatt ab und wirft es zerknüllt auf den Gehweg. Die andere Nora, die später Volksfeindin genannt wird und ihren zehnjährigen Sohn, meinen Vater, eines Tages an der Hand zu einem Staatssicherheitsmann zerren wird, diese Nora kommt der Aufforderung nach.

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Meine Großmutter Nora hatte schon mit acht Jahren gegen den Zaren gekämpft, sie überbrachte Geheimbotschaften, die in ihre Stoffpuppe eingenäht wurden. Einmal, kurz vor der Oktoberrevolution, als Noras Haus gerade von Gendarmen durchsucht wurde, sah Nora aus dem Fenster, dass ein Untergrundkämpfer zu ihrem Haus unterwegs war, der bestimmt etwas Illegales brachte: Bücher, Flugblätter, Pistolen. Nora sagte zu den Polizisten, sie halte es nicht mehr in der Stube aus, und ein Gendarm begleitete sie an die frische Luft. Ihr Gendarm ließ sein langes Gewehr über den Rücken hängen, er hielt dieses achtjährige Mädchen für ungefährlich. Draußen ging es Nora gleich besser, sie fing zu singen an, Im fernen schwülen Argentinien. Das war der Schlager des Jahres und der verabredete Code für Gefahr. Der Revoluzzer reagierte nicht, er kam immer näher. Dann lief Nora ihm entgegen und statt der Himmel dort wie funkelnder Opal sang sie bei uns wird grad durchsucht.

Ein Vierteljahrhundert später im besetzten Moskau, das nie besetzt worden war, löst Nora die Bekanntmachung der deutschen Kommandantur von der Aushangtafel. Erst kommt nur ein Streifen ab, weil das feucht gewordene Papier reißt. Nora lässt eine Ecke hängen und wirft den Rest zusammengeknüllt weg. Ihre Nachbarn wissen, dass sie jüdisch ist, auch der Hausmeister weiß das, er hat es schon öfter angedeutet, ihr seid – und er nannte irgendeinen Komparativ – als wir, gerissener als wir, oder reicher, obwohl Nora die ärmste in ihrem sechsstöckigen Haus war. Nun packt Nora den kleinen Koffer, mit dem sie einst zum Schwarzen Meer gereist ist. Papa darf kein Spielzeug mitnehmen, nicht einmal den Rotarmistensäbel, den Nora ihm aus Karton ausgeschnitten und den er dann rot bemalt hat. Wegen dieses judobolschewistischen Rots findet ihn Nora jetzt zu gefährlich. Sie verspricht, Papa einen neuen Säbel zu machen, wenn sie angekommen sind. Wo, das weiß sie selbst noch nicht.

Nora kann niemanden um Hilfe bitten, außer vielleicht einer Freundin. Andere Bekannte gehen, wenn sie Nora treffen, auf die andere Straßenseite. Vor drei Jahren war Noras Vater als Volksfeind verhaftet worden, seitdem steht in Noras Personalakte der Stempel FMVF, Familienmitglied eines Volksfeindes. Auch für die deutsche Besatzungsmacht sind Nora und Papa Volksfeinde, und nur eine Freundin, die am Stadtrand wohnt, traut sich, die Juden aufzunehmen. Aber nur für eine Nacht. Am Morgen versucht Nora, hinter die Front zu den, wie sie sagt, Unseren zu gelangen. Mit ihrem Stadtmantel und Urlaubskoffer sieht sie auf einer Landstraße verdächtig aus, in den Augen eines Wehrmachtssoldaten eine typische Partisanin mit einer Bombe im Gepäck. Schwarze Hornbrille, schwarzkrauses Haar und spitzes Kinn, und auch dieser Zynismus, ein Kind als Schutzschild zu missbrauchen, so typisch für die. Was wird der Mann tun? Wenn ich jetzt schreibe, dass er besonders sorgfältig zielt, um die Bombe im kleinen Koffer nicht zu treffen, dass die Salve aus seiner Schmeißer-MP auch das Kind trifft, würde das doch nur eine Filmszene sein, wie aus einem dieser Kriegsfilme, die ich als Kind gesehen habe, alles nur gestellt. Die Hornbrille bleibt am Straßenrand liegen.

Nein, es hätte auch anders kommen können. Vielleicht liest Nora die Bekanntmachung der deutschen Kommandantur nicht an ihrer Hauswand, sondern bekommt sie vom Hausmeister ausgehändigt. Sie packt ihren kleinen Koffer, mit dem sie vor dem Krieg in den Urlaub gefahren war. Papa darf seinen Kartonsäbel nicht mitnehmen, der ist zu rot für die Deutschen. Der Koffer bleibt halbleer, weil Nora nicht an eine Umsiedlung glaubt. Trotzdem geht sie wohin befohlen. Sie geht hin, sie führt meinen vierjährigen Vater an der Hand ins Sammellager, zerrt ihn dahin, genauso wie in der Geschichte, die mir mein Vater später erzählen wird.

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Mein elfjähriger Vater spielte in seinem Treppenhaus mit einem Mädchen, das auch dort wohnte. Die Kinder stritten sich, und das Nachbarmädchen lief weinend nachhause. Dort erzählte sie ihrem Vater, warum sie weinte. Der Vater kam ins Treppenhaus und entweder schlug er Papa ins Gesicht oder er warf ihn auf den Boden, jedenfalls kam Papa mit blutüberströmtem Gesicht in den sechsten Stock zu seiner Mutter Nora.

Mein Vater hat mir diese Geschichte mehr als einmal erzählt, und ich habe sie auf Band aufgezeichnet, auf die damals neuen digitalen Audiokassetten. Heute kann ich sie nicht abhören, die DAT-Technik ist nicht mehr in Gebrauch, und mein eigener Rekorder funktioniert nicht mehr. Ich weiß noch, wie genervt ich bei Interviews mit meinem Vater oftmals war. Hast du das Mädchen vielleicht geschlagen? fragte ich, hast du sie belästigt? Ich erinnere mich nur an einzelne Wörter, die Vater benutzte, und daran, wie überzogen ich sie fand: Der Nachbar habe ihn mit der Fresse auf Betonstufen geworfen, nein, nicht geworfen, Vater sagte, schleifte mich drüber mit der Fresse. Warum sagte er nicht einfach Gesicht? Warum sagte er Schurke, wenn dieser Nachbar einfach ein Mitarbeiter der Staatssicherheit war?

Als Nora Papas Gesicht sah, zog sie ihn an der Hand wieder die Treppe herunter. Du wirst dich sofort entschuldigen, sagte sie, aber als der Nachbar aufmachte, entschuldigte sie sich selbst bei ihm. Der Nachbar schaute zu meinem Vater, der sein Gesicht noch nicht gewaschen hatte. Ihrem Sohn tut’s anscheinend nicht leid, sagte er. Nora ließ nicht locker, bis Papa einen vollständigen Satz herausbrachte, entschuldigen Sie bitte, es wird nie wieder vorkommen. Bald starb Stalin, oder er krepierte, wie mein Vater zu sagen pflegte, und dieser Vorfall blieb ohne Folgen.

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Oma Nora hätte dir das nicht antun dürfen, sagte ich, doch mein Vater wiederholte nur, das würde ich nie verstehen. Als ich diesen Text zu schreiben begann, schicke ich meinen DAT-Rekorder zur Reparatur, ich wollte nochmals hören, was Vater über Nora erzählte. In meiner Erinnerung war sie stolz darauf, ihren Sohn zu verletzen. Ihn schlimmer als dieser Nachbar zu verletzen, denn je größer die Mutterliebe, desto schlimmer die Verletzung und desto größer der Stolz, das Nötige getan zu haben. Ein bitterer Stolz war das, mit dem man, wie ihre Generation zu sagen pflegte, auf das Schafott steigt, oder den eigenen vierjährigen Sohn ins jüdische Sammellager bringt.

Nora sitzt in der Straßenbahn, der kleine Urlaubskoffer auf dem Schoß, Papa neben ihr am Fenster. Draußen ist es dunkel, und erst wenn sie ausgestiegen sind, sieht Nora eine Menschenansammlung. Wie ich meine Großmutter kannte, würde sie sich wundern, warum keine Listen geführt werden, warum Menschen samt Gepäck auf Laster verladen und irgendwohin verbracht werden. Nora würde protestieren, sie würde einen Natschalnik suchen, sie würde darauf bestehen, in eine Deportationsliste eingetragen zu werden, sie würde in gebrochenem Deutsch, aber mit Stolz erklären, Ordnung muss sein, und wahrscheinlich jetzt schon würden Papa und sie erschossen werden. Oder später, wenn ihr Lastwagen am Rand eines Feldes hält.

Ich könnte jetzt Buchstabe für Buchstabe in die Tastatur eingeben, frischgestochener Leichengraben, Genickschüsse, noch warme Leichen, dünne Erdschicht oder Gaswagen oder etwas, was nicht in meiner Erinnerung ist und was ich noch recherchieren müsste, aber ich schreibe keinen Wikipedia-Eintrag über Todesarten. Ich weiß nicht, ob Papier alles duldet, ich schreibe nicht auf Papier. Ich gebe Zeichen mit einer Notebooktastatur ein, ich spreche Wörter in mein Telefon, und der Text entsteht irgendwo in der Wolke, die nicht alles duldet. Ich bin jetzt nicht sicher, ob das Letzte, was ich noch sehen kann, wahr ist oder wieder nur eine Filmszene: Papa und Nora klettern von der Ladefläche des Lastwagens auf den lehmigen nassen Boden herunter. Papas Schuhe werden nass.

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Vielleicht dürfen Nora und Papa aber keine Straßenbahn zum Sammellager nehmen. Sie laufen zu Fuß hin, in einer Kolonne Moskauer Juden. Es ist schon dunkel, wenn sie am Lagertor ankommen. Davor parken Lastwagen. Ein Fahrer, hier sollte ich schreiben, ein russischer Fahrer, raucht in der Kabine. Bis vor ein paar Wochen hatte er Gefangenentransporter für die Moskauer Polizei gefahren, auch heute brachte er schon einige zu einem brachliegenden Feld. Er weiß, was meinen Vater dort erwartet, der nie mein Vater wird. Der Fahrer wird in seiner Kabine bleiben, wenn Papa und Nora und andere Leute absteigen, er wird sich später an alles erinnern und er wird nie darüber reden. Das ist gut so, ich will keine Details von ihm hören, es ist besser, wenn es nichts gibt, nachdem mein Vater und meine Oma in der Dunkelheit auf dem Feld verschwinden.

Ein Fotograf, Bildberichterstatter einer Propagandakompanie, sieht am nächsten Morgen zwei Kleiderhäufchen auf dem Feld liegen. Gegenstände persönlichen Bedarfs, so  er das für sich bezeichnen, und abgetragene Kleidungsstücke: eine Hornbrille, eine Messingbrosche, die von dem Einsatzpersonal als wertlos zurückgelassen wurde, und im anderen, kleineren Häufchen ein Kartonsäbel mit rotem Krickelkrakel drauf. Wollte dieses Kind Blut auf die Klinke malen? wie blutrünstig. Der Fotograf zieht aus der Blusentasche ein Foto mit einem bebrillten Juden drauf, dann richtet er alles ein für sein Bild, die Brille, das Foto, den Säbel und die Brosche auf dem Hintergrund alter Kleidung. Ein Stillleben. Gut, dass ich es nie zu sehen bekomme.

Möglicherweise würden die Einsatzgruppen ihr Sammellager am Flussbahnhof eingerichtet haben, von dem die Fähre mit den evakuierten Kindern ohne meinen Vater abgelegt haben würde. Jetzt würde dort ein Lastkahn bereitstehen, einer für den Transport von Kieselstein und Sand. Jetzt sind Menschen im Frachtraum, auch Nora und Papa, und über ihren Köpfen werden Metallluken geschlossen, sie gehen knatternd und dann mit einem lauten Knall zu, sie sind rostig, was man in der Dunkelheit des Frachtraums nicht mehr erkennt. Das sind aber nur erwartbare Details, ein Leerlauf der Literatur. Was in diesem Frachtraum wirklich passiert, lässt sich nicht realistisch erzählen, weil dort kein Erzähler je wieder rauskommt. Ich habe von mehreren Lastschiffen mit Häftlingen gehört, die versenkt worden waren, in der Wolga, in der Kama, im Ob, im Jenissej. Ein wertvolles Know-How auch für die deutschen Einsatzgruppen. Es gibt Flüsse wie die Seine, in die man alleine geht, und Flüsse wie die Moskva, wo es einen rostigen Lastkahn braucht.

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Papa weint an der Reling wegen eines versunkenen Schiffchens, aber seine weitere Flussfahrt wird recht fröhlich verlaufen. Die Kinder dürfen das ganze Schiff erkunden, während es durch die Moskva und Oka zur Wolga fährt. Dort steigen sie um auf ein größeres Schiff für größere Wasserwege, sie fahren durch Wolga und Kama nach Perm im Ural und noch einhundert Kilometer weiter mit dem Zug ins Lager, in ein Sommerlager für Junge Pioniere. Oma Nora kommt nicht nach. Sie ist Ingenieurin in einer Moskauer Fabrik und muss diese für die Evakuierung nach Sibirien zuerst verpacken, dann begleitet sie den Frachtzug und baut dann die Fabrik am neuen Ort wieder auf. Erst im nächsten Jahr holt sie meinen Vater, er ist inzwischen fünf geworden. Sie bleiben in der Evakuazija, bis sicher ist, es wird in Moskau keine Sammellager geben, keine Erschießungsfelder. Zumindest keine deutschen.

Als mein Vater elf Jahre alt wird, muss er sich bei einem Nachbar entschuldigen, um nicht ins Lager zu kommen. Mit sechzehn soll er mit allen Juden Moskaus in den Fernen Osten der Sowjetunion deportiert werden. Stalin wollte das abschließen, was sein deutscher Kumpan nicht zu Ende führen konnte, wird Vater später erzählen. Hunderte jüdische Ärzte wurden gefoltert, damit sie zugaben, ihre Patienten durch falsche Behandlung getötet zu haben. Vater erzählte mir von herausgerissenen Nägeln, von Galgen, die an Zentralplätzen sowjetischer Städte stehen sollten, und von Viehwaggons, die bereits am Nebengleis warteten. Wäre der Oberschurke damals nicht krepiert, wird Vater zu mir sagen, würde es uns nicht geben, weder mich noch dich. Ich entgegnete damals nicht, dass wenn er nochmal krepieren oder, statt evakuieren, sich verpissen sagt, dann würde ich mich selbst evakuieren. Vater sprach so, als hätte er sein Leben nicht erlebt, sondern erstorben, und dabei war er, wie mir schien, nicht tot.

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Ich warte noch auf eine Mail von der Werkstatt, ob sie meinen Rekorder reparieren kann. Dann könnte ich wieder Vaters aufgekratzte und meine skeptische Stimme hören. Ich kann ihn jetzt nicht mehr fragen, wozu er eine Entschädigung brauchte. Er bat mich mehrmals, ihm bei Anträgen und Nachfragen zu helfen, hat dann aber keine Entschädigung bekommen. Als sein Antrag schließlich genehmigt wurde, war Vater tot, war endgültig und nicht mehr im Irrealis gestorben. Jetzt ist real geworden, was er erzählt hatte, diese Wirklichkeit, in der er wiederholt getötet wird und ich dann nicht geboren werde, und in der es diesen Text nicht gibt.


© »Evakuiert«  Stolperworte, 2. November 2021. Kommentar

Published on  December 2nd, 2021